Da Wing Tzun auf einem ganzheitlichen System beruht ist auch die
Unterrichtsmethode hieran angepasst. Alle Übungen verfolgen das Ziel auf
gesunde Weise die Selbstverteidigung zu erlernen. Es wird auf jeden
Einzelnen eingegangen und völlig individuell unterrichtet. Dabei kommt
jeder auf seine Kosten, denn Wing Tzun wird durch individuellen, in
Lektionen aufgeteilten Unterricht vermittelt. Hier geht es nicht darum,
sich völlig zu verausgaben, oder etwa neue Rekorde zu brechen, sondern
Sie sollen sich sicher, fit und wohl fühlen.
Man wird nach seinen
eigenen körperlichen Möglichkeiten gefördert und gefordert, und geht
nicht in Massenübungen unter. Das Training beruht auf gegenseitigem
Respekt, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft. Aggression und Gewalt haben
im Unterricht nichts zu suchen.
In einer entspannten Atmosphäre
vermitteln die Ausbilder ihr Wissen an die Schüler weiter. Neben den
wichtigen praktischen Übungen wird zum besseren Verständnis auch die
Theorie der Wing Tzun - Selbstverteidigung vermittelt. Der separate
Unterricht unserer Kindergruppen ist dem Alter der Schüler entsprechend
kindgerecht gestaltet.
Aufbau des Lehrprogramms
Das
Studium ähnelt dem erlernen einer Sprache, das in Lektionen gegliedert
ist. Das in unseren Fachschulen für Selbstverteidigung unterrichtet
Lehrprogramm ist in 12 Lektionen (Schülergrade) unterteilt, die sich
grob in Grund-, Mittel- und Oberstufenprogramme einteilen lassen.
Nachdem der Schüler diese 12 Programme gelernt hat, eröffnet sich ihm
die Techniker- bzw. Lehrergradausbildung.
Grundstufenprogramm (1. - 4. Schülergrad)
- Schaffen eines Basiswissens und -könnens: Schrittarbeit, Grundtechnik.
- Entwicklung des richtigen Sehens und Atmens.
- Steigern der Beweglichkeit und der funktionellen Kraft.
- Entwicklung von Distanzgefühl und des Gefühlssinnes für die Angriffserkennung (Grundstufenniveau).
- Verstehen lernen der Wing Tzun - Prinzipien.
- Kennen- und Beherrschen lernen der wichtigsten Verteidigungssituationen
innerhalb der Kampfdistanzen
Beine, Arme, Ellbogen/Knie, Wurfdistanz,
Antiboden und Bodenphase.
Mittelstufenprogramm (5. - 8. Schülergrad)
Im
Mittelstufenprogramm geht es um die Sensibilisierung des Gefühlssinnes
und die Entwicklung und Nutzbarmachung von Reflexen. Wing Tzun ist eines
von wenigen Systemen, bei denen man sich die schnellere
Reizleitgeschwindigkeit von haptilen (d.h. durch Berührung und Kontakt)
verursachten Reizen zu Nutze macht. Der Informationsvorsprung welcher
durch Einschätzen einer Situation auf der Basis von taktiler
Angriffserkennung zustande kommt ist um ein 5-faches schneller als z.B.
die optische Wahrnehmung über die Augen. Natürlich muss der Anwender des
Wing Tzun vor Zustandekommen eines Kontaktes Angriffe optisch erkennen
können. Sobald der Kontakt jedoch hergestellt ist, kann er sozusagen
„den Autopilot“ einschalten und folgt nur noch seinen antrainierten
Reflexen und Instinkten. Selbst mit verbundenen Augen oder bei völliger
Dunkelheit kann der Fortgeschrittene Wing Tzun - Anwender mit
schlafwandlerischer Sicherheit in jedem Augenblick richtig reagieren.
Dies
mag sich anhören wie ein Zauberkunststück oder Übertreibung, jedoch
kennen sicherlich auch Sie aus ihrem ganz normalen Alltag solche
Phänomene. Fragen Sie sich doch einfach selbst, wie oft sie bei ihrer
letzten Autofahrt Gas, Kupplung, Bremse oder Gangschaltung betätigt
haben. Vermutlich wissen Sie es nicht! Warum? Weil ihnen diese Vorgänge
so sehr in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass sie ihnen nicht mehr
bewusst werden. Ebenso verhält es sich mit den um Gefühls- und
Reflexerfahrung erweiterten Fähigkeiten des Wing Tzun - Anwenders.
Dadurch, dass die rein technischen Vorgänge der Verteidigung
gefühlsmäßig und automatisch im „Hintergrund“ ablaufen, werden
Kapazitäten für übergeordnete Denkvorgänge frei. Beim Autofahren
beispielweise denken wir nicht ans Schalten und Kuppeln, sondern
schenken dem vorausfahrenden Fahrzeug, einer speziellen Route oder der
Tachometergeschwindigkeit unsere Aufmerksamkeit, oder wir unterhalten
uns mit jemandem.
Übergeordnete Denkvorgänge in
Selbstverteidigungsfragen wären z.B. das Wählen einer Strategie bei der
Bewältigung mehrer Angreifer - hier wird klar, dass keine lange Zeit für
Überlegungen in der Detailausführung bleibt, die Technik muss
automatisch ablaufen.
Oberstufenprogramm (9. - 12. Schülergrad)
Das Oberstufenprogramm befasst sich mit:
- Der Anwendung und Vertiefung der im Mittelstufenprogramm erworbenen Reflexe und Bewegungen.
- Der Verteidigung gegen mehrere Angreifer.
- Der Ausprägung der Entwicklung der funktionellen, (d.h. tatsächlich praktisch nutzbaren) Kampfkraft.
- Dem Beherrschen lernen von Hieb- und Stichwaffen.
- Taktischen Manövern gegen Hieb- und Stichwaffen.
- Sanfte Mittel der Kontrolle, d.h. einen Angreifer kontrollieren ohne ihn zu verletzen.
- Verteidigung gegen Schusswaffen; aufgrund der Lebensgefahr sind hier nur sehr beschränkte Mittel möglich.
Die Techniker- bzw. Lehrergradausbildung
Sie ist
vergleichbar einem Hochschulstudium. Nur wer sich durch langjährige
Loyalität und Integrität als charakterlich geeignet erwiesen hat, wird
mit den fortgeschrittensten Techniken des Systems vertraut gemacht. Die
hierbei unterrichteten Techniken sind den bis zum 12. Schülergrad
unterwiesenen Bewegungen überlegen.
Zum Programm der Technikerausbildung gehören unter anderem:
Die
Biu Tze (sprich „Bjudschi“); sie ist die 3. im Wing Tzun gelehrte Form
und stellt eine reine Angriffsform dar. Wer sie anzuwenden versteht kann
seinen Gegner in Sekundenbruchteilen unschädlich machen und selbst
einen Angriff vereiteln, der ihn schon fast erreicht hat.
Die 116
Muk Yan Chong (sprich „Mukjantschong“) Holzpuppen-Techniken gehören zu
den fortgeschrittensten Übungsprogrammen; dabei handelt es sich um
Bewegungen die wiederum denen aus der Biu Tze überlegen sind. Die
Bewegungen der Holzpuppenform ermöglichen dem Anwender seine relative
Geschwindigkeit und Kraft zum Angreifer zu vervielfachen;
Chi-Gerk
(sprich „Tschigör“) - Reflextraining der Beine; dies stellt das Pendant
zum Reflextranig der Arme („Chi-Sao“) dar. Erst mit dieser Fähigkeit
versehen kann der Anwender buchstäblich mit seinem gesamten Körper
„sehen“ und somit stets die bestmögliche Entscheidung treffen.
So
haben die Begründer über Generationen hinweg systemimmanente
„Sicherungen“ eingebaut, um sicherzustellen, dass diese hohen Programme
nicht in falsche Hände geraten.